26. April 2014

Prof. Dr. Geoffrey Haig: Die kurdische Sprache ist in Gefahr!



Interview

Prof. Dr. Geoffrey Haig/
(Fotos: Prof. Dr. Geoffrey Haig)
Nach Prof. Dr. Geoffrey Haig, einem Sprachwissenschaftler an der Universität Bamberg/Institut für Orientalistik, wiesen und weisen kurdische Regionen eine beachtliche Sprachenvielfalt auf, die durch politische Einflüsse entscheidend verändert werden.

„Als ich in der Türkei in den 80er Jahren mit dem Studium des Türkischen begann, war mir ebenfalls nicht bewusst, dass es Millionen Menschen in der Türkei gibt, die eine andere Muttersprache als das Türkische sprechen. Darüber wurde nicht gesprochen, selbst nicht unter dort tätigen Sprachwissenschaftlern", erklärt Prof. Dr. Geoffrey Haig, Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Sprachwissenschaft in Bamberg. Erst in den 1990er Jahren wurde Haig durch die Bekanntschaft mit einem kurdischstämmigen Studenten allmählich auf die „anderen Sprachen“ der Türkei neugierig. Seitdem beschäftigt er sich vor allem mit dem Kurdischen, das zu den westiranischen Sprachen zählt und wie das Deutsche zur indoeuropäischen Sprachfamilie gehört. Nach Prof. Dr. Haig sprechen „rund 20 Millionen Menschen in der Türkei, in Syrien, in Iran und dem Irak eine kurdische Sprache, entweder Nord-, Zentral- oder Südkurdisch. Rund 700 000 Sprecher leben in Deutschland.“

Dr. Haig als Gast bei einer kurdischen Familie während seiner Feldforschung in Kurdistan/Westiran/2007
Laut Haig war vor rund 100 Jahren das Gebiet Ostanatoliens von einem bunten Kultur-, Religions- und Sprachenteppich bedeckt: unter anderem lebten Türken, Armenier, Aramäer und Kurden dort über 1000 Jahre lang zusammen. Anfang des letzten Jahrhunderts musste diese kulturelle Vielfalt einer nationalistisch geprägten Vereinheitlichungspolitik weichen, zu deren Folgen vor allem ein dramatischer Rückgang der Sprachenvielfalt in dieser Region zählt. Einige Sprachen sind bereits fast gänzlich verschwunden. Das Kurdische konnte sich auf Grund der Größe der Sprachgemeinschaft halten, seine Existenz aber wurde im offiziellen Diskurs jahrzehntelang geleugnet und sein Gebrauch unterdrückt.

Yaresan/Kurdistan/west Iran

Sein Forschungsgegenstand stellt Haig vor Herausforderungen. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Kurdischen ist aufgrund historischer und politischer Gegebenheiten emotional aufgeladen. Gerade deshalb ist es Haig besonders wichtig, sich möglichst objektiv dem Untersuchungsgegenstand zu nähern und sich von keiner der politischen und gesellschaftlichen Strömungen vereinnahmen zu lassen. Denn gerade in den letzten 10 Jahren ist die kurdische Sprache vor allem in der Türkei zu einem Politikum geworden – umso leichter können wissenschaftliche Meinungen aus dem Kontext gerissen und instrumentalisiert werden. Als typisches Beispiel ist die Frage nach der Herkunft des Kurdischen zu nennen. Kurdische Intellektuelle und Politiker berufen sich auf eine einheitliche Herkunftstheorie und sehen in dem antiken Volk der Meder die Vorfahren der heutigen Kurden, Vertreter des türkischen Staates hingegen betonen die ungewisse Herkunft und die angeblich fehlende Einheit der kurdischen Volksgruppe. Wie Haig erläutert, gibt es natürlich keine einfache Antwort auf die Frage nach dem Ursprung des Kurdischen. Hier tut eine differenzierte wissenschaftliche Sichtweise not, die aber leider oft schwer vermittelbar ist und von beiden Seiten kaum zur Kenntnis genommen wird. Allmählich jedoch etabliere sich eine wissenschaftlich fundierte Kurdologie, die jenseits der ideologischen Auseinandersetzungen arbeitet und sich international positioniert, gibt sich Haig optimistisch. 
Gebetshaus in Yaresan/Kurdistan/Westiran/2007

Wissenschaftlich misst Haig der Herkunftsfrage ohnehin weniger Bedeutung bei: „Mich interessieren andere und verhältnismäßig weniger erforschte Fragestellungen wie vor allem der Sprachkontakt zu anderen Sprachen, der damit verbundene Sprachwandel sowie Fragen nach den Auswirkungen des soziokulturellen Kontextes auf die Sprache“, erklärt er. So bemerke er beispielsweise, dass sich gegenwärtig zwei entgegengesetzte Tendenzen beobachten lassen: Zum einen hat die repressive staatliche Sprachpolitik zur Folge, dass immer weniger Kurden ihre Sprache vollständig auf natürliche Weise im Kindesalter erwerben und die Alltagssprache der heute unter Dreißigjährigen massive „Vereinfachungen“ aufweist. Zum anderen aber hat das neu erwachte Selbstbewusstsein und die Politisierung der Kurden dazu geführt, dass eine neue kurdische Schriftsprache auf Internetplattformen und über Satellitenfernsehen etabliert und propagiert wird, die alle Teile der kurdischsprachigen Bevölkerung erreicht. In diesem Spannungsfeld zwischen der Vereinfachung einerseits und dem forcierten Ausbau einer standardisierten Form des Kurdischen andererseits ergeben sich interessante Fragen zur Dynamik von Sprachwandel.

Kurdistan/West Iran

Dr. Geoffrey Haig
Interview
Reşad Ozkan sprach mit Prof. Dr. Geoffrey Haig, Sprachwissenschaftler an der Universität Bamberg/Institut für Orientalistik, über die Erforschung der kurdischen Sprache und die Gefahr, dass die kurdische Sprache verschwinden könnte.

 

Herr Professor welche zerstörerischen Einflüsse haben die Assimilations- und Vernichtungspolitik auf die kurdische Sprache in den vier Teilen Kurdistans?

Geoffrey Haig: Die Assimilationspolitik ist in den vier Teilen Kurdistans nicht überall gleich verlaufen. Im Iran und Iraq konnten die Kurden – wenn auch unter sehr schwierigen Bedingungen – ihre Sprache wenigstens weiterhin verwenden. Im Iraq beispielsweise konnte sich unter britischer Besatzung eine schriftliche Form des Sorani weiterentwickeln; in der Türkei hingegen wurde die Existenz der Sprache geleugnet und der Gebrauch gezielt unterdrückt; diese Maßnahmen wurden durch die massive Militärpräsenz im Kurdengebiet seit 30 Jahren dann weiter verschärft. Die Folgen der staatlichen Sprachenpolitik haben sich besonders drastisch unter den Kurden der Türkei ausgewirkt: hier wächst faktisch eine komplette Generation von Kurden heran ohne dass sie vollständige Kompetenz in ihrer Muttersprache erwirbt.

Woher kommt die kurdische Sprache?

Geoffrey Haig: Eine sinnlose Frage – genauso sinnlos wie beispielsweise die Frage nach der Herkunft „der Engländer“, oder „der Türken“ oder „der Araber“. Nehmen wir einfach mal die heutigen Engländer: zum Teil stammen sie aus der alten, vorgermanischen Bevölkerung Großbritanniens; zum Teil aus Einwanderern aus Skandinavien (Wikinger); zum Teil aus der ehemaligen römischen Besatzung, zum Teil aus Normannen, die England vor 1000 Jahren erobert haben … welchen Sinn hat es, nach „der Herkunft“ der Engländer zu fragen? Ebenso sinnlos ist die Suche nach „der Herkunft“ des Kurdischen. An derartigen Spekulationen möchte ich mich nicht beteiligen.

Ist es ohne Sprache und Kultur möglich, eine Nation zu werden?

Geoffrey Haig: Möglich ist vieles: die Schotten beispielsweise behaupten, sie hätten eine eigene Nation/Kultur; ihre Sprache ist jedoch eine Varietät des Englischen. In der Schweiz leben (mindestens) vier Sprachgemeinschaften zusammen und bilden zusammen die Schweizer Nation. In Jugoslawien hat man früher „eine Nation, eine Sprache“ gehabt, jetzt nach der politischen Teilung spricht man von Serbisch und Kroatisch – obwohl die beiden Sprachen praktisch identisch sind, usw. Dieser Themenkomplex lässt sich von dem rein politisch / völkerrechtlich definierten Begriff des Staates nicht trennen. „Sprache“, „Kultur“, „Nation“ sind Idealisierungen, die sich in den seltensten Fällen klar definieren lassen. Erst der politisch/völkerrechtliche Status der Staatlichkeit schafft die Illusion einer Einheit.

Ist die kurdische Sprache Opfer der Geopolitik?

Geoffrey Haig: Die fehlende politische Einheit ist ganz klar das Ergebnis geostrategischer Überlegungen. Dass beispielsweise Iraqi Kurdistan kein eigener Staat ist, liegt an dem Widerstand der Nachbarstaaten und deren Einfluss in den entsprechenden völkerrechtlichen Gremien. Es reicht schon, wenn ein Staat wie die Türkei ein Veto einlegt; dann würde eine kurdische Staatsgründung international nicht anerkannt (vgl. beispielsweise den russischen Widerstand gegen ein unabhängiges Kosovo usw.). Damit ist auch der heutige Zustand des Kurdischen ebenfalls ein Ergebnis internationaler Politik.

Haben Sie Kontakte mit kurdischen Sprachwissenschaftlern bzw. mit sprachwissenschaftlichen Fakultäten in der Autonomen Region Kurdistan/Irak?

Geoffrey Haig: Ich habe mehrfach versucht, Verbindungen zu den entsprechenden Fakultäten in der Autonomen Region Kurdistans aufzubauen, aber bisher fand keine nennenswerte Zusammenarbeit statt. Ich arbeite in Deutschland mit vielen Personen zusammen und baue die Kontakte international weiter auf; das ist ein langsamer Prozess, aber ich bin sehr optimistisch.

Wie sieht die Zukunft der kurdischen Sprache aus, wenn die Kurden selber nicht Kurdisch sprechen (besonders im türkischen Teil)?

Geoffrey Haig: Um eine Sprache vollständig zu erwerben, müssen Kinder in der Sprachgemeinschaft diese Sprache im Kleinkindalter sehr intensiv erfahren, d.h. ab der Geburt bis mindestens 6/7 Jahre. Nur so werden alle Feinheiten der Sprache wirklich erworben und gefestigt. Das könnte natürlich neben dem Erwerb von weiteren Sprachen auch geschehen, aber sie müssten Kurdisch eben ausreichend und unter vielen verschiedenen Bedingungen hören und aktiv verwenden. Es würde beispielsweise nicht ausreichen, wenn sie Kurdisch nur von ihrer Großmutter zu Hause hören. Wer so aufwächst, erwirbt eben keine vollständige Kompetenz in der Sprache. Und später, also im Erwachsenenalter, lässt sich das nie wieder nachholen. Es ist deshalb unerlässlich, dass kurdische Kinder so viel wie möglich mit Kurdisch aufwachsen. Leider hat der türkische Staat alles unternommen, um genau die frühkindliche Bindung an der Muttersprache zu zerstören. So wächst in der Türkei – wie oben erwähnt – fast eine ganze Generation heran (die heutigen unter-30-Jährigen), die viele Feinheiten ihrer Sprache nicht beherrschen. Zwar beschäftigen sich viele dieser Menschen später mit ihrer Sprache und erlernen sie gewissermaßen „neu“ im Erwachsenenalter“, aber ihre Sprache wirkt hölzern, steif, und ihre Syntax ist offensichtlich stark vom Türkischen beeinflusst. Man braucht nur einen heutigen Nachrichtensprecher aus der Türkei zu hören und mit Sprechern aus irakisch-Kurdistan zu vergleichen. In der Türkei wird, soweit ich es beurteilen kann, nur noch auf dem Lande und in wenigen Städten im Osten (Bazit, Shemzinan) Kurdisch wirklich aktiv und regelmäßig unter jungen Menschen verwendet. Das ist eine Tragödie, die aber anscheinend viele Kurden mehr oder weniger resigniert einfach akzeptiert haben („em asimile bûn, em chi bikin …“ höre ich von Kurden aus der Türkei immer wieder). Tatsache ist: Die große Masse der kurdischen Bevölkerung in der Türkei gibt ihre Sprache an die nächste Generation nicht weiter. Wenn sich daran nichts ändert, wird es in 50 Jahren wirklich kompetente Sprecher des Kurdischen in der Türkei kaum noch geben.
Umgriffe_Kurdistans / Quelle:Wikimedia
Interview mit Prof. Dr. Geoffrey Haig,
Sprachwissenschaftler an der Universität Bamberg/Institut für Orientalistik.

Wer ist er?
Geoffrey Haig, seit 2010 Professor für Allgemeine Sprachwissenschaft in Bamberg/ (Foto: Nils Ebert/Uni. Bamberg)
Geoffrey Haig wurde in Exeter im Südwesten Englands geboren. Seine Familie siedelte nach Neuseeland über, als er elf Jahre alt war. Einige Jahre später zog es Haig nach Europa zurück, wo er zunächst als Handwerker arbeitete. In Kiel begann er im Alter von 25 Jahren schließlich ein Studium der Allgemeinen und Vergleichenden Sprachwissenschaft. „Erst als ich nach Kiel kam, habe ich Deutsch gelernt: im Selbststudium, durch meine Bücher und im Gespräch mit anderen“, erinnert sich der Professor. Während seines Studiums hat er gearbeitet, um sich seinen Lebensunterhalt zu finanzieren: als Möbelpacker, Tellerwäscher oder auf Messen. Schließlich gab er Englischunterricht und übersetzte. „Damals habe ich oft von der Hand in den Mund gelebt, aber ich bin immer durchgekommen.“ Den heutigen Studierenden rät Haig, sich vor ihrer Zukunft nicht zu fürchten, in sich zu vertrauen und auch mal eine Entscheidung ohne vorherige Absicherung zu treffen. „Als junger Mensch in Deutschland muss man keine Angst haben, es werden sich immer Möglichkeiten finden lassen. Von einem halben Jahr Arbeitslosigkeit geht die Welt nicht unter.“

Die erste Reise in die Türkei und der erste Kontakt mit dem Kurdischen >>>

http://www.uni-bamberg.de/kommunikation/news/artikel/portraet-haig/
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Veröffentlichte Texte und Publikationen
Prof. Dr. Geoffrey Haig, Sprachwissenschaftler an der Universität Bamberg/Institut für Orientalistik.

With Stefan Conermann (eds.) 2004. Die Kurden: Studien zu ihrer Sprache, Geschichte und Kultur. Hamburg: EB-Verlag.

2008. Alignment change in Iranian languages: A Construction Grammar approach. Mouton de Gruyter.

With Parwin Mahmudweyssi, Denise Bailey and Ludwig Paul. In print. The Gorani language of Gawraju, a village of West Iran. Grammar, texts and lexicon. Wiesbaden: Reichert.

1998. On the interaction of morphological and syntactic ergativity: Lessons from Kurdish. Lingua 105, 149-173.

2001. Linguistic diffusion in modern East Anatolia: from top to bottom. In: Aikhenvald, A. and Dixon, R. (eds.) Areal diffusion and genetic inheritance: Problems in comparative linguistics. Oxford: Oxford University Press, 195-224.

With L. Paul. 2001. Kurmanjî Kurdish. In: Garry, J. and Rubino, C. (eds.) An encyclopaedia of the World's major languages, past and present. New York: Wilson, 398-403.

With Y. Matras. 2002. Kurdish linguistics: A brief overview. Sprachtypologie und Universalienforschung/ Language typology and universals 55(1): 3-14.

2002. Complex predicates in Kurdish: Argument sharing, incorporation, or what? Sprachtypologie und Universalienforschung/ Language typology and universals 55(1): 25-48.

2004. The invisibilisation of Kurdish: the other side of language planning in Turkey. In: Conermann, S. and Haig, G. (eds.) Die Kurden: Studien zu ihrer Sprache, Geschichte und Kultur. Hamburg: EB-Verlag, 121-150.

2007. Grammatical borrowing in Kurdish (Northern Group). In: Matras, Y. and Sakel, J. (eds.) Grammatical borrowing in cross-linguistic perspective. Berlin: Mouton, 165-184.

Forthcoming: Why ergativity in Iranian did not originate from an agented passive. In: Lehmann, C., Skopeteas, S. and Marschke, C. (eds.) The evolution of syntactic relations. Berlin: Mouton.

With P. Mahmudweyssi. 2009. The typology of modality in some West Iranian languages. In: Allison, C., Joisten-Pruschke, A. and Wendtland, A. (eds.) From Daena to Dîn. Religion, Kultur und Sprache in der iranischen Welt. Festschrift für Philip Kreyenbroek zum 60. Geburtstag. Wiesbaden: Harrassowitz, 41-52.