7. Mai 2009

NEWROZ:HOFFNUNG UND NEUBEGINN

Die Kurden feiern „Newroz“, ihr traditionelles Neujahrsfest, mit dem sie nun schon seit 2621 Jahren den Frühling willkommen heißen
Volkstanzgruppe Koma Gula Sor (Gruppe Rote Rose)

Die Münchner Muffathalle ist berstend voll. Zwischen den dunkel gekleideten Männern leuchtet es bunt. Grün, gelb, rot, weiß: Wohin das Auge blickt, lachen ihm die bunten Stoffe der Kurdinnen wie Frühlingsblumen entgegen. Kinder laufen ausgelassen im Kreis. Und es ist auch ein Anlass zu Freude. Die Kurden feiern „Newroz“, ihr traditionelles Neujahrsfest, mit dem sie nun schon seit 2631 Jahren den Frühling willkommen heißen.

Doch Newroz, übersetzt „Neuer Tag“, ist nicht nur das Fest der Wiedergeburt der Natur – Newroz ist auch das Fest der Freiheit des kurdischen Volkes. Im Mythos des kurdischen Neujahrsfestes befreit der Schmied Kawa die Menschen von einem Despoten und zündet zum Zeichen der Freiheit ein Feuer auf den Bergen Kurdistans an. Auch heute werden in Kurdistan allerorts Feuer entzündet, mit denen die Kurden ihre Unabhängigkeit und Freiheit ersehnen.
Kurdischer Musiker

Newroz ist deshalb ein wichtiger Tag für das Selbstverständnis der Kurden und es ist der Tag, an dem sie ihre Traditionen und ihre Kultur besonders pflegen. Einige der bekanntesten kurdischen Musiker treten beim Münchner Neujahrsfest in der Muffathalle auf: Mikael Aslan und seine Musikgruppe, die Gruppe Denge Ciwanen Azad (Komciwan) und die Gruppe Kani. Star des Abends ist der seit 30 Jahren im Exil lebende berühmte kurdische Sänger Şivan Perwer.

Eine kurdische Volkstanzgruppe (Komjin) fällt besonders auf: Junge Mädchen tanzen mit Begeisterung und mit einer seligen Hingabe im Gesicht die Tänze ihrer Vorfahren. Ihre feuerroten kurdischen Trachten werden in sanftes Licht gehüllt. Die leichtfüßigen Bewegungen der Mädchen bezaubern, genauso wie der lächelnde Ernst in ihren Gesichtern. Dies ist ohne Frage mehr als ein Tanz – hier wird ein jahrtausendalter Pakt der Gemeinsamkeit zelebriert.Was bringt Jugendliche dazu, diese kurdischen Volkstänze zu erlernen, anstatt wie andere in ihrem Alter in die Disko zu gehen? Die 27-jährige Sevda, eine der Tänzerinnen, weiß es: „Es ist sehr wichtig für uns, dass wir unsere kurdische Identität pflegen.“ Dies tun die Jugendlichen im Verein Komciwan, der Jugendorganisation des Kurdischen Arbeitervereins Komkar. Erste Aufgabe des Vereins ist es, die kurdische Kultur weiterleben zu lassen. Nicht nur mit Volkstanzgruppen, auch in anderen Bereichen wie Musik, Theater und Literatur. Aus diesem Grund treffen sich die Jugendlichen im Alter von 14 bis 27 Jahren jedes Wochenende in der Münchner Bergmannstraße. Ob Schüler oder Azubis, Arbeiter oder Asylbewerber: Alle fühlen sich hier wohl und willkommen.

Und wie steht es um die jungen Frauen? Haben die hier etwas zu sagen? „Aber sicher doch“, wirft die Gymnasiastin Reha ein, „bei uns sind die Frauen wirklich gleichberechtigt“. Feudale Strukturen haben bei Komciwan keinen Platz. Die Mädchen haben sogar eine eigene Organisation, die kurdische Frauenorganisation „Komjin“, so dass sie ihre Interessen noch besser durchsetzen können.

„Außerdem wollen wir auch den Deutschen nahebringen, wer wir sind und wie wir leben“, erzählen die Mädchen von Komjin. Denn hier herrschen oft noch große Wissenslücken und das Bild der Kurden wird nicht selten von Vorurteilen dominiert. So wollen die Jugendlichen gezielt nach außen gehen und der Öffentlichkeit von ihrem Leben, von ihren Zielen, von ihren Traditionen und von der aktuellen politischen Lage in Kurdistan erzählen. Wer sich auf dem Neujahrsfest umblickt, erkennt, wie wichtig diese Arbeit ist. Unter den rund 800 Gästen des kurdischen Neujahrsfests in der Muffathalle sitzen nur versprengt und sehr vereinzelt einige Deutsche. Mehr Gemeinsamkeit könnte hier nicht schaden.
Kurdische Frauen mit kurdischer Flagge

Und wer könnte diese besser schaffen als die Jugendlichen von Komciwan? Sie sondern sich nicht ab. Ganz im Gegenteil. Der Verein, der in Bayern über 100 Mitglieder hat, arbeitet eng mit anderen deutschen und internationalen Kulturvereinen zusammen. Wichtig ist den Jugendlichen das friedliche Miteinander.

Zudem spricht Komciwan Jugendliche aus allen gesellschaftlichen Bereichen an. Gerade für Jugendliche, denen es wirtschaftlich nicht gut geht, ist der Verein eine Chance, an Bildungsangebote zu kommen. „Wir leisten einen wichtigen Beitrag zur Integration, indem wir Jugendlichen bei Problemen helfen, sie beraten und fördern“, so Rohat, der Vorsitzende von Komciwan. Das können Seminare sein, aber auch Sprachkurse. Die Jugendlichen wünschen sich für ihren Verein deshalb eine breitere gesellschaftliche Anerkennung und nicht zuletzt auch die nötigen finanziellen Mittel. Denn nur durch diese ist Kulturarbeit überhaupt erst möglich.ROHAT, München-Komciwan Vorsitzender

Das Newrozfest in der Muffathalle wurde vom Verein zur Förderung ethnischer Minderheiten e.V. veranstaltet und vom Kulturreferat der Landeshauptstadt München unterstützt. Dies lässt darauf hoffen, dass die Stadt München erkennt, welch wichtige Arbeit die kurdischen Jugendlichen leisten und sie dementsprechend fördern wird.Stand für Bücherwürmer

So läutet das Newroz-Fest in der Muffathalle vielleicht nicht nur ein Neues Jahr ein, sondern könnte auch Hoffnung und Neubeginn für eine noch bessere gemeinsame Kulturarbeit aller Münchner sein. Die Jugendlichen von Komciwan werden sich auf jeden Fall auch im Neuen Jahr weiter dafür einsetzen./by Reşad Özkan/RÖ
MÜNCHEN/15. MÄRZ 2009: